„Ich bin mehr als mein eigenes Leben”
Die Traumata meiner Grossmutter leben in mir weiter – was die Wissenschaft jetzt darüber weiss
Viele Menschen spüren es seit langem intuitiv: Das, was unsere Grosseltern erlebt haben – Krieg, Flucht, Gewalt oder tiefe Verluste – wirkt in den nächsten Generationen weiter.
Eine neue Studie eines internationalen Forschungsteams aus den USA und Syrien bestätigt nun erstmals beim Menschen, dass Erfahrungen von Gewalt tatsächlich Spuren im Erbgut hinterlassen können, die bis in die Enkelgeneration nachweisbar sind.
Wie das Leben der Grossmutter im Körper der Enkelin weiterklingt
Die internationale Studie von Mulligan, Quinn, Hamadmad (2025) beweist, dass Kriegs- und Gewalterfahrungen einer Grossmutter auch im Erbgut ihrer Enkelin zu finden ist, wenngleich diese nicht flüchten musste. (https://doi.org/10.1038/s41598-025-89818-z). Die Forscher:innen untersuchten drei Generationen syrischer Familien bezüglich einer Epigenetische Spur von Traumaerfahrungen und ihrer Weitergabe an nachfolgende Generationen.
Dazu gehörten:
Frauen, die während des Massakers von Hama 1982 schwanger waren
Frauen, die während des syrischen Bürgerkriegs schwanger waren
ihre Kinder und Enkelkinder sowie
eine Vergleichsgruppe von Familien ohne Gewalterfahrungen in der Schwangerschaft.
Sie analysierten DNA-Proben von insgesamt drei Generationen und verglichen diese mit genauen Angaben zu den Gewalterfahrungen in der Familie. Das Ergebnis: Sowohl die Mütter, die selbst Gewalt erlebt hatten, als auch ihre Kinder und Enkelkinder zeigen typische epigenetische Veränderungen – also feine Markierungen auf der DNA, die mit dieser Gewalt in Verbindung stehen.
Anders gesagt: Das Trauma der Grossmutter ist im Körper der Enkelin messbar – selbst dann, wenn die Enkelin nie selbst im Krieg war.
Was ist Epigenetik – und heisst das, meine Gene sind „kaputt“?
Die gute Nachricht zuerst: Es geht nicht um „kaputte Gene“. Unsere Gene selbst verändern sich durch solche Erfahrungen nicht. Was sich verändert, sind epigenetische Markierungen – chemische „Schalter“ auf der DNA, die regulieren, wie aktiv bestimmte Gene sind.
Man kann sich das vorstellen wie einen Lichtdimmer:
Die Gene sind die Lampe.
Die Epigenetik ist der Dimmer, der das Licht heller oder dunkler stellt.
Die Forscher:innen untersuchten rund 850 000 solcher Stellen im Erbgut. Sie fanden:
mindestens 21 Positionen, die deutlich mit direkter Gewalterfahrung zusammenhängen
14 Stellen, die mit Gewalterfahrungen bereits in der Keimbahn (also in Ei‑ oder Samenzellen) verbunden sind.
Besonders beeindruckend: Viele dieser Stellen zeigten bei Grossmüttern, Müttern und Kindern Veränderungen in derselben Richtung. Die Wissenschaft spricht von einer „gemeinsamen epigenetischen Signatur von Gewalt“, die sich durch die Generationen zieht.
Wenn die Zeit im Körper schneller läuft
Ein weiteres wichtiges Ergebnis: Bei Kindern, die schon im Mutterleib der Gewaltbelastung ihrer Mutter ausgesetzt waren, zeigte sich eine sogenannte epigenetische Altersbeschleunigung – ihr biologisches Alter war höher als ihr tatsächliches Lebensalter.
Das bedeutet nicht, dass diese Kinder automatisch schwer krank werden. Doch es weist darauf hin, dass ihr System schon früh unter erhöhtem Stress steht. Die Forschenden betonen deshalb:
Die pränatale Phase (Zeit im Mutterleib) ist eine besonders sensible Entwicklungszeit.
Gewalt und massiver Stress der Mutter können sich in dieser Phase tief im System des Kindes einschreiben.
Frühere Studien zu Hungersnöten, Missbrauch oder Vernachlässigung weisen in eine ähnliche Richtung: Belastungen können epigenetische Muster beeinflussen, die später mit körperlichen und psychischen Erkrankungsrisiken in Zusammenhang stehen.
Trauma ist kein Schicksal – die Rolle von Resilienz
So eindeutig die Spuren der Gewalt im Erbgut sind: Ebenso deutlich ist die Botschaft der Forschung, dass Menschen trotz schwerster Erfahrungen eine beeindruckende Resilienz zeigen können.
Die Epigenetik beschreibt dynamische Prozesse. Viele epigenetische Markierungen sind prinzipiell veränderbar:
durch sichere Beziehungen
durch ein stabiles Umfeld
durch unterstützende Erfahrungen und
durch wirksame therapeutische Arbeit.
Die Studie versteht sich ausdrücklich nicht als „Gen-Schicksal“, sondern als Einladung, Gewalt ernst zu nehmen und Betroffene – und ihre Familien – gezielt zu unterstützen.
Was das für dich und deine Familie bedeuten kann
Vielleicht kennen Sie das: Sie reagieren „übertrieben“ ängstlich oder angespannt in Situationen, die objektiv gar nicht so bedrohlich sind. Oder Sie spüren eine Schwere oder Traurigkeit, die sich nicht ganz erklären lässt. Gleichzeitig wissen Sie, dass Ihre Grossmutter Krieg, Flucht oder Gewalt erlebt hat.
Die neue Studie liefert eine mögliche Erklärung:
Der Körper der Enkelin trägt noch einen biologischen Abdruck der Erfahrungen der Grossmutter.
Diese Prägungen können sich in Stressreaktionen, innerer Alarmbereitschaft oder bestimmten Gefühlen zeigen – auch ohne bewusste Erinnerung.
Doch genauso, wie diese Muster entstanden sind, können sie sich auch verändern. Entscheidend ist, diesen Zusammenhang ernst zu nehmen – ohne in eine Opferrolle zu verfallen.
Wie Hypnose, Autogenes Training und Systemische Aufstellung helfen können
In meiner Praxis für Hypnose, Autogenes Training und Systemische Aufstellung knüpfen wir genau an dieser Schnittstelle an: zwischen Körper, Psyche, Familiengeschichte und aktuellem Leben. Die nachfolgend skizzierten Wirkannahmen beruhen auf breiter klinischer Erfahrung und psychophysiologischer Forschung zu Stress und Regulation.
Hypnose
unterstützt dabei, das Nervensystem vom Dauerstress in einen Zustand tieferer Entspannung zu begleiten
ermöglicht Zugang zu unbewussten Mustern und inneren Bildern, in denen sich auch transgenerationale Themen widerspiegeln können
Autogenes Training
hilft Ihnen, Schritt für Schritt einen inneren Ort der Ruhe und Sicherheit aufzubauen
stärkt die Fähigkeit, den eigenen Körper anders wahrzunehmen – weniger als „Störfaktor“, mehr als Verbündeten
Systemische Aufstellungen
machen unsichtbare Loyalitäten und unausgesprochene Familiengeschichten sichtbar
bieten einen Raum, um Verstrickungen mit der Herkunftsfamilie zu erkennen, zu würdigen und sich innerlich neu zu positionieren
So entsteht ein Weg, auf dem Sie:
verstehen, welche Lasten möglicherweise nicht „nur“ Ihre eigenen sind
die Erfahrungen Ihrer Familie ehrt, ohne sie länger allein tragen zu müssen
Ihr eigenes Leben freier, selbstbestimmter und verbundener gestalten können.
Wenn Sie spüren: „Da ist etwas, das nicht nur mir gehört“
Vielleicht erkennen Sie sich in Teilen dieser Beschreibung wieder. Vielleicht spüren Sie, dass Themen in Ihrem Leben auftauchen, die sich grösser anfühlen als Ihre persönliche Biografie.
Wenn Sie neugierig geworden sind, was in Ihrer eigenen Geschichte – und der Geschichte Ihrer Familie – wirksam ist, begleite ich Sie gerne ein Stück auf Ihrem Weg. In einem geschützten Rahmen schauen wir gemeinsam:
welche Muster Ihr Leben heute prägen
welche Ressourcen und Stärken schon da sind
und welche Schritte Ihnen helfen können, alte Belastungen loszulassen und Neues zu gestalten.
Wenn Sie einen Termin vereinbaren oder zuerst ein unverbindliches Vorgespräch führen möchteen, melden Sie sich gerne per E‑Mail oder Telefon. Gemeinsam finden wir heraus, welches Vorgehen – Hypnose, Autogenes Training oder Systemische Aufstellung – für Sie im Moment am stimmigsten ist.